Donnerstag, 25.09.2014

17:00 - 18:30 Uhr

Melanchthonianum HS A

Vorsitz: Beyer, Anja (Nürnberg); Williger, Bettina (Nürnberg)
Diskutant: Tesch-Römer, Clemens (Berlin)

Hörgeräteversorgung und -nutzung im Alter

Die Altersschwerhörigkeit ist eine der häufigsten funktionellen Beeinträchtigungen des Alters. In Deutschland wird die Prävalenz für die Erkrankung bei den 60- bis 69-jährigen Erwachsenen auf etwa 35% geschätzt, bei den 70- bis 79-Jährigen sogar auf rund 60%. Die Nutzung eines Hörgeräts kann mögliche negative Auswirkungen des Hörverlustes ausgleichen bzw. verringern. Dennoch liegt die Versorgungsrate mit Hörsystemen nach der EuroTrak-I-Studie bei den über 74-Jährigen mit subjektivem Hörverlust unter 50%. Auch der Anteil der Nichtnutzer unter den Hörgerätebesitzern ist vergleichsweise hoch und variiert zwischen 5% in der deutschem Stichprobe der EuroTrak-I-Studie und 24 % in einer amerikanischen Epidemiology of Hearing Loss Studie. Das Symposium adressiert Einflussfaktoren für Unterschiede in der Hörgeräteversorgung und -nutzung im Alter aus verschiedenen Blickwinkeln. Zunächst berichten Holube et al. auf Basis von Daten der HOERSTAT Studie sowie der Kundendatenbank einer Akustikerkette über die Prävalenz der Hörgeräteversorgung in Abhängigkeit von Hörschwellen. Meister behandelt in seinem Beitrag den Zusammenhang zwischen kognitiven Leistungen und Arten der Signalverarbeitung in Hörhilfen im Hinblick auf objektive und subjektive Gewinne durch die Hörgeräteversorgung. Kamin und Lang stellen Befunde zum Einfluss genereller Technikmotivation auf die Handhabung und Nutzung von Hörgeräten vor. Der Beitrag von Williger et al. behandelt schließlich personen- und umweltseitige Einflussfaktoren für die Nutzung von Hörgeräten bei initialen Hörgerätebesitzern. Die Beiträge werden von Tesch-Römer vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstands diskutiert.

17:00 Uhr

I. Holube; P. von Gablenz; T. Nüsse
Institut für Hörtechnik und Audiologie, Jade Hochschule, Oldenburg;

S304-01

Schwerhörigkeit und Hörgeräteversorgung im Alter

In der epidemiologischen Studie HÖRSTAT wurden das Hörvermögen von rund 1900 Erwachsenen aus Oldenburg und Emden ab einem Alter von 18 Jahren untersucht. Neben dem Hörverlust für Töne im Audiogramm wurden auch das Sprachverstehen im Störgeräusch und die subjektive Einschätzung der Hörfähigkeit erfasst. Die Ergebnisse zeigen eine Prävalenz von 16% für Schwerhörigkeit bei Anwendung des Kriteriums der WHO für die erwachsene Bevölkerung mit einer stark ausgeprägten Altersabhängigkeit und geschlechts- sowie lärmbedingten Unterschieden. Der Anteil der Hörgeräteversorgungen steigt dabei erwartungsgemäß mit der Stärke des Hörverlustes an. Die tägliche Nutzungsdauer eines Hörgeräts hingegen ist weniger stark mit dem Grad des Hörverlusts als mit der Zufriedenheit mit der Hörgeräteversorgung assoziiert. Der alterstypische Verlauf der Hörschwellen, der bei gesunden, nicht lärmbelasteten Erwachsenen nach DIN ISO 7029 erwartet werden kann, wurde mit den Angaben in einer Kundendatenbank einer Hörgeräte-Akustikerkette verglichen. Dabei zeigte sich, dass eine Hörgeräteversorgung vor allem dann erfolgt, wenn der Hörverlust denjenigen der repräsentativen Gruppe gleichen Alters übersteigt. Sowohl bei Vergleich der HÖRSTAT-Ergebnisse mit der altersabhängigen Prävalenz von Schwerhörigkeit in älteren internationalen Untersuchungen als auch bei der Analyse der Kundendaten über einen Zeitraum von ca. 15 Jahren ist eine Verringerung der Schwerhörigkeit bei gleichem Alter über der Zeit zu beobachten.

17:20 Uhr

H. Meister
Jan Uhrmacher Institut für klinische HNO-Forschung, Universität zu Köln, Köln;

S304-02

Kognitive Leistungen, Sprachverstehen und Hörgeräteversorgung im Alter

Hörstörungen gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Alter. Das adäquate Mittel zur Kompensation von Hörstörungen ist die Verwendung von Hörgeräten. Neben Hörstörungen kommt es im Alter typischerweise zu einem Abbau von kognitiven Fähigkeiten wie z.B. Gedächtnisleistungen oder Aufmerksamkeit. Solche Funktionen sind neben dem Hörvermögen wichtig für das Sprachverstehen insbesondere in schwierigen akustischen Situationen – dem von Personen mit Hörstörungen am häufigsten angegebenen Problem.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass das Sprachverstehen vor Hintergrundlärm z.B. vom Arbeitsgedächtnis und von Exekutivfunktionen abhängt. Diese Funktionen sind besonders wichtig, wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen – also in hinsichtlich der sozialen und kulturellen Teilhabe besonders relevanten Situationen. Insofern ist von einem mehrfachen Handikap für ältere Personen in schwierigen akustischen Umgebungen auszugehen, da fehlende auditive Merkmale nicht ohne Weiteres durch kognitive Leistungen kompensiert werden können.

Es ist bislang nicht eindeutig geklärt, wie diese Faktoren auch unter klinischen Gesichtspunkten erfasst werden können und ob sich Wechselwirkungen mit der Hörgeräteversorgung ergeben. Hier gibt es Hinweise, dass spezifische Arten der Signalverarbeitung in Hörhilfen mehr oder weniger „kompatibel“ zu kognitiven Leistungen der Nutzer sind. Damit einhergehend ergibt sich die grundsätzliche Frage, ob der objektiv ermittelte oder subjektiv empfundene Gewinn durch die Hörgeräteversorgung auch von kognitiven Leistungen abhängt und ob diesbezüglich besondere Gesichtspunkte bei älteren Personen Berücksichtigung finden müssen. Bekannt ist darüber hinaus, dass kognitive Leistungen trainiert werden können. Da kognitive Leistungen für das Sprachverstehen wichtig sind, stellt sich auch die Frage, ob ein solches Training einen Transfer auf die Kommunikationsfähigkeit mit sich bringt.

Der Beitrag adressiert die oben genannten Aspekte und stellt Ansätze und Ergebnisse der Arbeitsgruppe an der Universität zu Köln vor.

Gefördert von der Marga und Walter Boll-Stiftung (Kennzeichen 210-08-11), dem Köln Fortune Programm (Kennzeichen 169/2012) sowie durch das Zukunftskonzept der Universität zu Köln im Rahmen der Exzellenzinitiative.

17:40 Uhr

S. Kamin; M. Schindler; F. R. Lang
Institut für Psychogerontologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Nürnberg;

S304-03

Der Einfluss subjektiver Adaptionsfähigkeit auf die Interaktion mit Hörgeräten

Die Anpassung und Entwicklung von Hörgeräten für Personen mit Altersschwerhörigkeit erfordert ein Verständnis der vielfältigen Anforderungen und Fähigkeiten älterer Menschen. Hierzu müssen über den heutigen Stand der Anforderungserfassung hinaus nicht nur kognitive, körperliche und situative Faktoren sondern auch interindividuelle und altersbezogene Unterschiede in motivationalen Ressourcen berücksichtigt werden. Die subjektive Adaptionsfähigkeit stellt eine generelle motivationale Ressource der Anpassung an die Anforderungen technischer Umwelten im Alter dar. Der vorliegende Beitrag untersucht den Einfluss subjektiver Adaptionsfähigkeit auf die Interaktion mit Hörgeräten. Hierzu wurde eine experimentelle Untersuchung mit 72 Probanden im Alter von 56 bis 84 Jahren (M = 69.7, SD = 6.6) durchgeführt. Die subjektive Adaptionsfähigkeit wurde über das Subjektive-Technik-Adaptionsfähigkeits-Inventar (STAI) erfasst. Im Fokus der Untersuchung stand die Bearbeitung mehrerer Aufgaben mit drei verschiedenen Hörgerätetypen. Die Handhabung der Hörgeräte wurde auf standardisierten Skalen bewertet. Weiterhin wurde die Interaktion mit den Hörgeräten auf Video aufgezeichnet und über Beobachtungs- und Think-Aloud-Protokolle ausgewertet. Erste Ergebnisse zeigen, dass eine höhere subjektive Adaptionsfähigkeit mit weniger Handhabungsproblemen und einer positiveren Bewertung der Interaktion mit den Hörgeräten einhergeht. Die Ergebnisse haben Implikationen für die Hörgerätenutzung im Alter sowie für die Berücksichtigung motivationaler Ressourcen bei der Anpassung von Hörgeräten.

18:00 Uhr

B. Williger; A. Beyer; F. R. Lang
Institut für Psychogerontologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Nürnberg;

S304-04

Hörgerätenutzung im Alter: eine Frage der Person-Umwelt-Passung?

Die Nutzung von Hörgeräten im Alltag unterliegt großen interindividuellen Schwankungen und variiert zwischen wenigen Minuten täglich und dem Großteil der Wachzeit. Empirische Studien bestätigen insbesondere personale Einflussfaktoren für die Hörgerätenutzung, wie z.B. Hörverlust oder Einstellung gegenüber dem eigenen Hörverlust. Die Verstärkungsleistung von Hörgeräten ist aber vor allem von deren Konfiguration und den Anforderungen der täglichen Hörumwelten, also von umweltseitigen Einflussfaktoren abhängig. Die Studie untersucht personen- und umweltseitige Einflussfaktoren für die Nutzung von Hörgeräten bei schwerhörigen älteren Erwachsenen. An der Studie nahmen 47 Personen (55% Frauen) im Alter zwischen 54 und 74 Jahren teil, die zum ersten Mal mit Hörgeräten versorgt wurden. Die Teilnehmer gaben im Selbstbericht Auskunft zur täglichen Tragedauer der Hörgeräte, zu ihrer Einstellung gegenüber dem eigenen Hörverlust sowie zur Wichtigkeit des Hörens in einzelnen Hörumwelten (z.B. Telefonieren, soziale Aktivitäten). Darüber hinaus wurden über die betreuenden Akustiker Informationen zur Konfiguration der Hörgeräte sowie ein Audiogramm erhoben. Die Teilnehmer gaben an, ihre Hörgeräte im Mittel 71% der Wachzeit zu nutzen. Die mittlere Hörschwelle der Teilnehmer lag bei 39 dB in den Hauptsprachfrequenzen, die Einstellung gegenüber dem eigenen Hörverlust war vorrangig positiv und die mittlere Wichtigkeit des Hörens in täglichen Hörumwelten hoch. Erste Ergebnisse zeigen, dass sowohl personen- als auch umweltseitige Faktoren Unterschiede in der Hörgerätenutzung erklären. Teilnehmer, die dem eigenen Hörverlust gegenüber positiv eingestellt sind und das Hören in einzelnen Hörumwelten wichtig einschätzen, berichten eine höhere Tragedauer der Hörgeräte. Auch die Konfiguration der Hörgeräte, insbesondere die Störgeräuschunterdrückung, steht in positivem Zusammenhang mit der täglichen Tragedauer. Die Studie zeigt, dass interindividuelle Unterschiede in der Hörgerätenutzung im Alter über Theorien der gerontologischen Gerontologie, wie das Environmental-Press Modell, erklärt werden können. Darüber hinaus lassen die Ergebnisse darauf schließen, dass personen- wie auch umweltseitige Faktoren verstärkt bei der Anpassung von Hörgeräten Berücksichtigung erfahren sollten.

18:20 Uhr

M. Decker-Maruska; M. Lerch1
Innere Medizin-Altersmedizin, Krankenhaus Plettenberg, Plettenberg; 1 Klinik für Akutgeriatrie und geriatrische Frührehabilitation, Helios Kliniken Schwerin, Schwerin;

S304-05

Vergessen, verloren, verunsichert – Schicksal der älteren schwerhörigen Patienten im geriatrischen Versorgungsalltag