Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Freitag, 09.09.2016
08:00 - 09:30
Raum Karlsruhe
S313
Sozial-Raum-Qualität Herausforderungen ländlicher Räume in der alternden Gesellschaft

Bei aller Unterschiedlichkeit ländlicher Regionen und Räume untereinander, sind sie alle gegenüber urbanen Räumen anders herausgefordert, auf die Folgen des demographischen Wandels zu reagieren. Lebensqualität im Alter definiert sich in ländlichen Räumen durch die Zugänge und Erreichbarkeit von Infrastrukturen der (Nah)versorgung, der Gesundheit, Gemeinschaft, Kultur oder des öffentlichen Nachverkehrs. Eine Anpassung dieser Strukturen und Angebote an die demographischen Veränderungen richten sich bisher weit überwiegend darauf, sich dem „Wenigerwerden“ der Bevölkerung anzupassen als darauf, dem „Älterwerden“ der Wohnbevölkerung mit angepasster Qualität entgegenzukommen. Insofern scheinen gerade in ländlichen Räumen die Qualität(en)des Sozialen und des Raumes zunehmend zur Disposition zu stehen. Gleichzeitig lassen sich Strategien, bzw. Impulse für die Entwicklung solcher kommunalen Strategien erkennen, die diesen "Qualitätsverlusten" zu begegnen versuchen und Teilhabe für die in ländlichen Räumen lebenden Älteren zu gewährleisten. Solche Strategien entwickeln sich als Co-Produktion unterschiedlicher institutioneller und zivilgesellschaftlicher Akteure im Raum. Kreative Aktivitäten selbstorganisierter Unterstützungsarrangements oder die interaktive Koordination und Gestaltung von Netzwerkarbeit markieren Versuche, Teilhabe und Infrastrukturen für den „Alltag des Alterns“ zu erhalten oder zu kompensieren. Im Symposium werden Forschungsergebnisse diskutiert zur Frage, welche Strukturen und Zugänge es gibt und braucht, damit ältere Menschen aller Lebenslagen ihre Bedürfnisse artikulieren und befriedigen können.

08:00
Partizipative Forschung, ländlicher Sozialraum und Alter: Kommunale Ausgangssituationen und ihr Einfluß auf Zugang
S313-01 

S. Kümpers, C. Kühnemund, M. Nemelka; Fulda

Hintergrund: Partizipative Strategien der Gesundheitsforschung und -förderung beanspruchen, mit ihren Zielgruppen in allen Phasen der Forschung bzw. der Intervention zusammen zu arbeiten. Dies umzusetzen erfordert einen Zugang zu diesen Zielgruppen, der nicht automatisch zu Beginn eines Projekts gegeben ist. Da gemeinsame Handlungsprozesse angestrebt werden, erweist sich der Zugang z.T. als voraussetzungsvoller als bei erprobten qualitativen Ansätzen.
Ziel: Es werden Bedingungen für den Zugang zu älteren Menschen in schwierigen Lebenslagen in ländlichen Wohnquartieren herausgearbeitet, um Schlussfolgerungen für angepasste Strategien zu erarbeiten.
Methoden: In einer Fallstudie mit partizipativem Design in einem ländlichen Wohnquartier werden Möglichkeiten des Zugangs zur Zielgruppe entwickelt und erprobt. Ergebnisse: Bereits im Feld entwickelte Zugangswege bzw. Community-Strukturen bilden eine wichtige Voraussetzung für Forschungsteams um darauf mit partizipativen Ansätzen aufzubauen. Wo diese nicht existieren, können sie nur gemeinsam mit lokalen Akteuren entwickelt werden. Partizipative Methoden wie Community Mapping, Dorfspaziergänge etc. können ggfls. durch vorhergehende Prozesse ‚verbraucht‘ sein. Implizite Exklusionsmechanismen können dazu beitragen, dass benachteiligte Ältere wenig sichtbar sind und existierende soziale Zusammenhänge meiden. Dazu gehören finanzielle Barrieren, Mobilitätsbeschränkungen und wahrgenommene soziale Stigmatisierung, in ländlichen Sozialräumen auch die Unterscheidung zwischen ‚Alteingesessenen‘ und ‚Zugezogenen‘.
Zugänge zu Älteren in schwierigen Lebenslagen sind insofern voraussetzungsvoll; entsprechende Strategien benötigen Zeit und Kapazität und sind bzgl. ihres Erfolgs wenig vorhersehbar.
Diskussion und Fazit: Partizipative Ansätze müssen die jeweiligen Ausgangslagen im Feld analysieren. Zugangsstrategien müssen lokal spezifisch entwickelt werden. Im Vergleich mit weiteren Fällen ist zu untersuchen, wie Strategien zielgruppen- und kontextspezifisch wirken, bzw. welche Strategien wo im Hinblick auf welche Zielgruppen älterer Menschen wirksam sind. Wo Community-Strukturen, an denen die angestrebten Zielgruppen beteiligt sind, fehlen, muss mit längeren Phasen für einen tragfähigen Feldzugang gerechnet werden.

08:20
Prävention im Altersübergang - Modelle für regionale kooperative Dienstleistungsnetzwerke
S313-02 

S. Porschen-Hueck, M. Weihrich; München, Augsburg

Für die Frage, wie sich Funktionalität und Lebensqualität im Alter bewahren lassen und welche politischen Weichenstellungen hierfür nötig sind, spielt eine Altersgruppe eine besondere Rolle: die Bürgerinnen und Bürger im Altersübergang, die sich in ihren letzten Berufsjahren oder in den ersten Rentenjahren befinden. Diese Gruppe wird wenig beachtet, wenn es darum geht, wie sich Gesundheit, Leistungsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe erhalten lassen. In dem Forschungs- und Gestaltungsprojekt FISnet steht der hohe Bedarf an präventiven Angeboten, die den Besonderheiten dieser Lebensphase gerecht werden, deshalb im Mittelpunkt (www.fisnet.info). Hier werden mit Blick auf die ganzheitliche Lebenssituation jedes einzelnen in einer Partnerschaft aus Betrieben, Organisationen und Dienstleistern fallspezifische aufeinander abgestimmte kooperierende ‘Service-Netzwerke‘ für die Region Bayerisch-Schwaben entwickelt. Exemplarisch initiiert werden die kooperativen Dienstleistungsangebote in sogenannten „Werkstätten“ auf der Basis empirisch erhobener komplexer „Bedarfsfälle“.
Hinter diesem Vorhaben steht ein hoher Anspruch an interaktive Koordination und Gestaltung von Netzwerkarbeit. Hierfür wird Koordinationsarbeit als eine besondere, aber bislang kaum beachtete Tätigkeitsform in den Blick genommen – eine Arbeit, in die auch die Nutzerinnen und Nutzer kooperativer Dienstleistungen aktiv eingebunden sind. FISnet begleitet Anbieter und Nutzer bei der Gestaltung ihrer Netzwerkarbeit mit einem partizipativen gestaltenden Forschungsansatz, in dem drei Formen interaktiver Netzwerkarbeit eine besondere Rolle spielen: das Netzwerkmanagement, die Selbst-Koordination zwischen verschiedenen Anbietern und die Koordination „von unten“ durch die Nutzer selbst – also die Personen, die sich im Altersübergang befinden.
Im Vortrag werden Beispiele für kooperative Dienstleistungsnetzwerke und ihre Funktionsweisen präsentiert und die Voraussetzungen ihrer Erstellung transparent gemacht.

08:40
Bedürfnisinterpretation in selbstorganisierten Unterstützungsarrangements für ältere Menschen
S313-03 

M. Ritter, M. Alisch; Fulda

Demographischer Wandel und die Veränderungsprozesse im ländlichen Raum betreffen die „zurückbleibenden“ älteren Menschen in besonderer Weise: bisherige familiäre Hilfesysteme wanken, Infrastruktur und gesellschaftliche Institutionen sozialen Zusammenlebens geraten unter Druck. Offen und ungeklärt sind häufig die Fragen nach den Bedürfnissen der älteren Menschen, die vom Wandel betroffen sind, aber dennoch Interessen, Wünsche und Lebensperspektiven haben. Wie und wo können diese Bedürfnisse geäußert werden? Welche Möglichkeiten der Befriedigung existieren noch und wie werden sie von den älteren Menschen wahrgenommen? – sind Fragen, die uns hier beschäftigen sollen. Dabei beziehen wir uns auf Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt BUSLAR (www.buslar.de)
Im Forschungsprojet werden von Bürger_innen selbst organisierte Vereine zu Unterstützung älterer und hochbetagter Menschen im Alltag auf ihre Möglichkeiten und Problemlagen untersucht. In den Bürgerhilfevereinen entwickeln die aktiven Bürger_innen Dienstleistungsangebote zur Bewältigung des Alltags, gestalten regelhafte Prozesse der Leistungsabfrage und -erbringung, versuchen weitere aktive Mitglieder zu gewinnen und mehr Nutzer_innen mit ihren Angeboten zu erreichen. Aus dem Blick geraten dabei durchaus Fragen nach den Bedürfnissen der Nutzer_innen selbst. Diese spielen jedoch in den genannten Unterstützungsarrangements eine große Rolle – auch die Aktiven der Bürgerhilfevereine selbst wollen das anbieten, was die Nutzer_innen brauchen könnten.
Im Fokus dieses Vortrages sollen daher die Nutzer und Nutzerinnen der durch die Bürgerhilfevereine entwickelten Angebote und ihre Interessen stehen. Wir wollen aus den bisherigen Forschungsergebnissen drei Aspekte herausarbeiten:
1. Wie wurden die vom Projekt geschaffenen Anlässe der Bedürfnisartikulation durch die älteren Menschen genutzt,
2. Was bedeuteten diese Ergebnisse für die Bürgerhilfevereine und für ihre Organisationsentwicklung und
3. Wie werden die Bedürfnisse der Nutzer_innen von den Aktiven reflektiert und umgesetzt.

09:00
Sozialräumliche Einflussfaktoren für Engagement
S313-04 

B. Solf-Leipold; München

Bisherige Analysen zeigen, dass sich die Aktivitätsniveaus und Engagementformen von Bürger_innen im ländlichen Räumen erheblich unterscheiden. In der Folge ist die Frage zu stellen, welche Bedingungen diese unterschiedlichen Erscheinungsformen beeinflussen und steuern? Aus der Engagementforschung sind vielfältige Einflussfaktoren bekannt, die eine Aktivität bzw. ein Engagement befördern oder behindern können. Im Rahmen des Vortrags werden explizit (sozial)räumliche Einflussfaktoren des ehrenamtlichen Engagements fokussiert. Es geht um die Fragen, wie und wo ehrenamtliche Strukturen entstehen, welche Auswirkungen die vorfindbaren (sozial-)räumlichen und mentalen Strukturen auf die Engagemententstehung haben und wie sich diese Strukturen auf die Potentiale der Gemeinschaftsbildung im Hinblick auf gewachsene und künstliche Netzwerkbildung auswirken. Die Erkenntnisse resultieren aus dem qualitativ angelegten Handlungsforschungsprojekt „Bürgerhilfevereine und Sozialgenossenschaften als Partner der öffentlichen Daseinsvorsorge und Pflege. Modellentwicklung zur ergänzenden Hilfeleistung für ältere Menschen im ländlichen Raum – BUSLAR“ (www.buslar.de).

Diskutantin: M. Ritter, Fulda

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